28. Juli 2023
Susan Cains Buch ist wunderbar! Sie räumt auf mit den Vorurteilen gegenüber Introvertierten in einer extrovertierten Welt. In sich gekehrt zu sein wird nicht als pathologisch angesehen, sondern sie stellt die Vorzüge der stillen Charaktere heraus. Das Buch ist in drei Bereiche unterteilt: Im ersten Teil geht es um das Ideal der Extrovertiertheit, im zweiten Teil um die Frage, ob intro/extro genetisch bedingt ist oder durch Sozialisation entsteht und im dritten Teil geht es um die Entwicklung der beiden gegensätzlichen Temperamente von Kindergarten und Schule hin zur Gestaltung von Arbeitsplätzen bzw. Berufswahl. Sie erzählt in vielen Geschichten und Beispielen von sich selbst und wie sie sich entwickelt und in ihrem Beruf als Anwältin bewährt hat und erklärt das Wesen der Introvertierten und deren Beiträge zur Gesellschaft an vielen prominenten Personen: von Bill Gates, über Rosa Parks, Warren Buffett, Eleanor Roosevelt etc. Die Entwicklung zum Ideal des Extravertierten beginnt ihrer Meinung nach durch die Ideen von Dale Carnegie, der als introvertierter, schüchterner junger Mann sich im Beruf des Verkäufers Eigenschaften zulegen musste, um sich als selbstbewusst und stark zu präsentieren. Durch seine Bestseller und sein Dale-Carnegie-Institut wurde die Version des geselligen, eloquenten und charmanten Salesman in den USA als Ideal entwickelt und als Standard angesehen. Ob das Temperament genetisch bedingt ist oder durch die Erziehung und die Umstände entwickelt wird, lässt sich nicht ausschließlich beantworten, sie stellt einen Anteil von 50% in dem Raum. Den letzten Teil des Buches kann man als Appell verstehen: es geht um die gezielte Förderung von Introvertierten in der Kindheit und Jugend bis hin zum Arbeitsplatz, also wie kann man am besten die beiden Pole berücksichtigen, zum Beispiel in der Schule durch den Anteil an Gruppenarbeit oder Einzelarbeit, in der man sich fokussieren kann und gezielt seiner Kreativität widmen kann. An der Arbeit werden die Organisation von Meetings, z.B. Redeanteile und auch die Gestaltung des Arbeitsplatzes durch eben nicht Großraumbüros, sondern kleinere Büros oder den Einsatz von Trennwänden vorgeschlagen. Das Buch ist gespickt mit vielen wissenschaftlichen Studien und sehr sauber recherchiert und argumentiert. Mich haben viele Beispiele aus dem Buch motiviert, mir einige Biographien der erwähnten historischen/gesellschaftlichen Personen genauer anzuschauen. Klare Empfehlung, sollte jeder gelesen haben!